Unterwegs auf historischen Klettersteigen bei Cortina di Ampezzo

Teilnehmer: Christine (Gast aus Berlin), Franziska, Hans, Reinhard, Thomas, Norbert und Wolfgang

Wenn Du weitere Bilder von der Tour sehen willst, klick auf´s Bild

Eine Gruppe motivierte Klettersteigbegeisterte des Feuchter Alpenvereins, machte sich auf den Weg nach Italien, um einige historische Klettersteige zu begehen. Ziel war Cortina di Ampezzo in der Provinz Belluno und dort die herrlichen Aussichtsberge des Dreigestirn Tofana (3225-3244m) und der Cristallogruppe (3221m).

Die Anfahrt führte über den Passo Falzarego von dort zweigte der Weg zum Parkplatz der Dibona-Hütte ab. Über Serpentinen wanderte die Gruppe zur Rifugio Pomedes dem Quartier für die ersten drei Nächte. Sie erkundeten die Wege zu den Einstiegen und den Verlauf der anstehenden Klettersteige. Bei guter Sicht und Sonnenschein schweiften die Blicke über die benachbarten Berge des Croda da Lago Bergmassivs, Monte Formin, Cinque Torri, Marmolada und Monte Pelmo. Erinnerungen an zurückliegenden Bergtouren in dieser Region wurden aufgefrischt. Das Panorama war beeindruckend schön!

Am nächsten Morgen meldete der Wetterbericht für den Nachmittag und Abend Regen mit Gewitter. Der Hüttenwirt meinte bis 16:00 Uhr sollten alle auf der Hütte sein. Eine sportliche Leistung wie sich später herausstellte.

Auf Felsbänder entlang und querend über den Astaldi Klettersteig erreichten die Feuchter den Einstieg des Via Ferrata Giovanni Lipella. Der ca. 3,3 km lange Klettersteig zieht sich hinauf auf die Tofana di Rozes (3225m). Er ist ein großartiger, klassischer Dolomiten-Klettersteig. Scheinbar endlose, meist breite Felsbänder, mächtige Schluchten und ein gewaltiges Panorama mit ständigem Blick auf die Fanesgruppe sind die Zutaten. Bevor man allerdings die tolle Aussicht genießen kann sind etwa 300 Streckenmeter bzw. 120 Höhenmeter im Berginneren zu bewältigen. Bestückt mit Stirnlampen arbeiteten sich die Klettersteigler wie Bergleute voran. Wieder im Freien angelangt folgten meist nach Norden abschüssige, wie Stockwerke angeordnete Felsbänder. Auf Steilstufen dazwischen steigt man von Etage zu Etage empor. Kurz vor dem Gipfel endet der Klettersteig. Am Ende des Klettersteiges, mit Sicht auf den Gipfel, nahmen sich die Hungrigen Zeit für eine kleine Rast. Nebel zog auf, das vorhergesagte schlechte Wetter kam immer näher und somit verzichteten alle auf den finalen Gipfelanstieg. Der Abstieg erfolgt im schlecht markierten Schrofengelände zur ehemaligen Rifugio Cantore (einer verfallenen Ruine), abwärts Richtung Dibona-Hütte und wieder querend zurück über den Astaldi Klettersteig zum Ausgangspunkt der Pomedes Hütte. Trocken angekommen reichte die Zeit gerade noch, um sich auf der Terrasse noch schnell ein mineralisches Getränk zur Abkühlung einzuverleiben. Der Tag verabschiedete sich mit Gewitter, Hagel und Starkregen (kleiner Weltuntergang).

Am dritten Tag startete die Gruppe, um den Einstieg des ersten Klettersteigs ca. 15 Min oberhalb der Pomedes Hütte, zu erreichen. Der Via Ferrata Giuseppe Olivieri zieht sich entlang der Südseite an der Punta Anna steil hinauf. An einem unscheinbaren Gipfel der Punta Anna (2731 m) teilte sich der Weg und auch die Gruppe der Feuchter. Nachdem viel Armkraft im Klettersteig abverlangt wurde, die Muskeln sich vom Vortag noch nicht vollständig erholt hatten und der weitere Verlauf noch schwerer werden sollte, entschied sich die eine Hälfte für den Abstieg zur Rifugio Camillo Giusanni und den Rückweg wie am Vortag über den Astaldi Klettersteig.

Nach dem Motto, „nur die Harten kommen in den Garten“, stiegen drei Mann von der Punta Anna weiter zu einer Scharte und dann über ein schräges, drahtseilgesichertes Band hinauf in die Ostflanke des Dritten Pomedesturmes. Die ostseitige Querung dieses Turmes erfolgt sehr exponiert auf der Ferrata Aglio hinüber zum Bus de Tofana (2910 m), einem großen Felsfenster. Vom Bus führt der Steig über Schrofenhänge, durch eiserne Lawinenverbauungen und über Eisenleitern hinauf zum Gipfel der Tofana die Mezzo (3244 m). Im Nebel und bei kühlen Temperaturen am Gipfelkreuz angekommen, nahm man sich nur kurz Zeit für einige Gipfelbilder. Nachdem sich die drei DAVler mit „Berg Heil“ beglückwünschten, ging es in die nahe gelegene Bergstation der Seilbahn. Dort angekommen fanden sie ein Schild vor, worauf geschrieben stand, dass der Klettersteig wegen Schnee gesperrt ist. Nun erklärten sich auch die fragwürdigen Blicke des Personals als sie die drei vom Klettersteig kommen sahen. Mit der Seilbahn fuhren sie hinab bis zur Mittelstation und über den Sentiero Giuseppe Olivieri, ein Wanderweg der in vielen Passagen mit Drahtseilsicherungen versehen ist, gelangten sie zur Pomedes Hütte zurück. Dort wartete bereits die andere Gruppenhälfte der Feuchter. Wieder vereint ließ man den Tag bei Sonnenschein ausklingen.

Am Mittwoch, vierter Tag, war Hüttenwechsel angesagt. Vom Dreigestirn der Tofana fuhr die Gruppe nach Cortina di Ampezzo und über den Passo Tre Croci zur Cristallogruppe auf die gegenüberliegende Seite von Cortina. Die Rifugio Son Forga war das neue Quartier für die nächsten Tage.

Nach Erreichen der Hütte wurden die Lager bezogen und die Rucksäcke für die Nachmittagstour umgepackt. Anschließend ging es mit einer 2-Personen-Tonnengondelbahn hinauf zur Bergstation. Von dort startete bei der nahegelegenen Lorenzihütte der Klettersteig Marino Bianchi.
Der Via ferrata Marino Bianchi ist ein sportlicher Gratklettersteig auf den Cristallo. Der Anstieg hat einen sehr kurzen Zustieg (von der Gondelbahn), fordernde Einzelstellen, einen tollen Ausblick auf den Talkessel von Cortina d‘Ampezzo und ein fantastisches Panorama auf die umliegende Bergwelt. Die Sicht reichte vom eisigen Gletscher der Marmolada über die Pragser und Ampezzaner Dolomiten bis zu den berühmten Gipfeln der Sextener Dolomiten. Als Tüpfelchen auf dem „i“ steht man obendrein noch auf einem der bekanntesten Dolomitengipfel, der noch dazu die magische Dreitausendermarke um 154 Höhenmeter überragt! Da die Gruppe am nächsten Tag den Dibona Weg absolvieren wollte, beobachteten sie während des Aufstiegs immer wieder die gegenüberliegende Seite, wo man einen Teil des Dibona Weg einsehen konnte. Es war beeindruckend wie sich die Menschenmassen über die Hängebrücke und entlang des Gratweges schoben. Als Vergleich ist eine Ameisenstraße angebracht. Nachdem der Ferrata Marino Bianchi absolviert war, diskutierte die Gruppe über die Startzeit für den am nächsten Tag anstehenden Dibona Weg. Alle waren sich einig mit der ersten Gondel hinauffahren, um den Menschenmassen zu entkommen.

Am nächsten Tag lachte die Sonne vom Himmel, die Wolkenstimmung war großartig, man meinte mit dem Flugzeug über den Wolken zu fliegen, es war ein Traumtag. Als erste Gruppe am Einstieg des Dibona Weg angekommen, machten sich die DAVler auf den Weg.

Der geschichtlich interessanten Via ferrata Ivano Dibona beginnt mit einer Metalltreppe, einem kurzen Stollen und einer knapp 30 m langen Hängebrücke. Anschließend sammelte die Gruppe noch schnell einen 3000er Gipfel. Im vorbeigehen nahm man den Abstecher zum Cristallino (3008 m) mit. Der weitere Verlauf des Dibona Weg führt über Grate, Metallleitern, Scharten, Felsbänder und Geröllfelder, vorbei an Spuren des Dolomitenkrieges. Auf verfallene Unterstände aus Holz und gemauerte Stellungen traf man immer wieder. Der berühmte Klettersteig entlang von alten Kriegswegen, war einerseits begeisternd wegen der landschaftlichen Schönheit, andererseits bedrückend, wenn man darüber nachdenkt, welches Leid und welche Tragödien sich im Ersten Weltkrieg hier abgespielt haben. Nach einem Knieschieberabstieg und einer kleinen Pause ging es zum kurzen Anstieg über Wiesen zurück zur Rifugio Son Forga unserem Quartier.

Am sechsten Tag stand nur die  Heimreise auf dem Programm. Hinauf zum Passo Tre Croci und dann zum Misurina See. Am Misurina See angekommen ist man einfach nur überwältigt vom gebotenen Dolomitenpanorama. Atemberaubend baut sich mit dem See, der Cadini Gruppe, den Drei Zinnen und der Sorapis Gruppe eines der schönsten Bergszenarien der Dolomiten vor einem auf. Ein unvergesslicher Anblick und wohl eines der am meisten fotografierten Dolomitenmotive. Ein weiterer Zwischenstopp mit Mittagessen im Herzöglichen Bräustüberl am Tegernsee rundete die Klettersteigwoche ab. Alle waren der Meinung, dass in dieser Woche eine der schönsten Bergtouren in einem der schönsten Gebiete absolviert wurden. Dafür danken wir unserem Organisator und Vorplaner für diese Klettersteigwoche. Leider konnte er kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht daran teilnehmen.

Norbert Wawrzinek